“Wir sind nicht nur verantwortlich für das was wir tun, sondern auch für das was wir nicht tun.„

Auszüge der Chronik von 1966 — 1972

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2016

50 Jahre Lebenshilfe

Lie­be Mit­glie­der, lie­be Freun­din­nen und Freun­de der Lebens­hil­fe,

ver­set­ze ich mich in das Jahr 1965, in dem unser Ver­ein gegrün­det wur­de, so fällt es mir leicht, von mei­nem Tref­fen vor weni­gen Wochen mit dem Grün­dungs­vor­sit­zen­den unse­res Ver­eins der Lebens­hil­fe Sin­gen-Hegau zu berich­ten. Geis­tig noch sehr rege aber kör­per­lich sehr belas­tet lebt Dr. Rolf Het­tes­hei­mer in Sin­gen und läßt sie alle herz­lich grü­ßen.

Die Inten­si­on zur Grün­dung des Ver­eins ging von Frau Dr. Mondon-Arm­brus­ter aus. Die Sin­ge­ner Kin­der­ärz­tin wand­te sich an ihn und sei­ne Frau Eli­sa­beth, deren behin­der­te Toch­ter in ihrer Behand­lung war. Im Wie­chern­haus in der Alpen­stras­se waren ers­te Zusam­men­künf­te. Anfang Janu­ar 1966 erfolg­te nach eini­gem Schrift­ver­kehr mit Tom Mut­ters, dem erst kürz­lich ver­stor­be­nen lang­jäh­ri­gen Bun­des­vor­sit­zen­den der Lebens­hil­fe, die Grün­dung unse­res Ver­eins. Eini­ge Namen der Grün­dungs­zeit sol­len hier erwähnt wer­den. Nebst der Kin­der­ärz­tin waren es Frau Elfrie­de Her­trich und Herr Edu­ard Her­trich zusam­men mit der Archi­tek­ten­fa­mi­lie Hans-Otto und Anne­ma­rie Frey aus Radolf­zell, die tat­kräf­tig mit­wirk­ten.

Die ers­te Schu­le in einer Vil­la der Fir­ma Mag­gi, der Spa­ten­stich und Aus­hub der Werk­stät­te für behin­der­te Men­schen durch fran­zö­si­sche Pio­nie­re, der ers­te Kin­der­gar­ten mit Hil­fe der Trä­ger­schaft der evang. Kir­chen­ge­mein­de unter beson­de­rer Akti­vi­tät des dama­li­gen Mit­glieds der Lebens­hil­fe Ober­kir­chen­rat Theo Oden­wald im Ober­lin­haus waren wei­te­re Schrit­te zur Ver­bes­se­rung der Lebens­si­tua­ti­on für Men­schen mit einer geis­ti­gen Behin­de­rung, die 20 Jah­re nach Been­di­gung des Unrecht­staa­tes des 3. Reichs mit der Eutha­na­sie der Men­schen mit einer geis­ti­gen Behin­de­rung immer noch teil­wei­se ver­steckt wur­den und von unse­rer Gesell­schaft als Makel emp­fun­den wur­den.
Nach die­ser Grün­dungs­pha­se ging es aber bei uns, wie auch in den ande­ren Orts­ver­ei­ni­gun­gen, immer bes­ser mit der Akzep­tanz von Men­schen mit einer geis­ti­gen Behin­de­rung in der Bevöl­ke­rung. Das Zusam­men­le­ben in der Gesell­schaft war und ist geprägt von Sub­si­dia­ri­tät und Soli­da­ri­tät. Die För­de­rung erfolg­te in allen Lebens­be­rei­chen. Unse­re Diens­te und unse­re Ange­bo­te wuch­sen.
Der offe­ne Frei­zeit-Treff, der als PTA- Zusam­men­kunft begon­nen hat­te – „Pfad­fin­der trotz allem“ – wur­de zum „BeTreff“. Der Fami­li­en­dienst mit Bera­tung und Musik­päd­ago­gik folg­ten. Die Mit­glie­der­zahl unse­res Ver­eins wuchs ste­tig und liegt heu­te bei 324 Mit­glie­dern mit einem Ver­hält­nis von 2/3 Betrof­fe­nen und 1/3 Nicht­be­trof­fe­nen.

Für die nächs­ten 50 Jah­re wün­sche ich mir im Sin­ne der Men­schen mit einer geis­ti­gen Behin­de­rung und deren Ange­hö­ri­ge, dass die büro­kra­ti­schen Drang­sa­lie­run­gen deut­lich zurück gehen, dass wir, die betrof­fe­nen Betreu­er und Ange­hö­ri­gen die­ser Men­schen einen Hil­fe­be­darfs­plan bekom­men, der gera­de bei voll­jäh­ri­gen behin­der­ten Men­schen nicht 3 mal im Jahr kon­trol­liert wer­den muss, son­dern über einen län­ge­ren Zeit­raum Gül­tig­keit hat und dass die poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger sich in den kom­men­den 50 Jah­ren über­le­gen, ob die Zah­lung von Kin­der­geld für behin­der­te Men­schen bis zu ihrem Tod noch zeit­ge­mäß und nicht durch ande­re Beträ­ge an die­sen Per­so­nen­kreis ersetzt wer­den kann und dass die betrof­fe­nen Men­schen vor poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen, die uns auch bei der Behin­der­ten­ar­beit betref­fen, mehr gehört wer­den.

Jetzt aber wol­len wir fei­ern, dass es uns 50 Jah­re gibt.
50 Jah­re Lebens­hil­fe Sin­gen-Hegau – wei­ter so.

Herz­lich

Dr. Ste­phan Sau­ter-Ser­va­es
1.Vorsitzender

Die Fest­schrift kann bei der Lebens­hil­fe Sin­gen-Hegau e.V. bezo­gen wer­den.